Eine Studie zum Thema Qualzucht

 

   

Scottish Fold - Ergebnis einer Qualzucht?

 

Studie der INTERNATIONAL SCOTTISH FOLD ASSOCIATION (ISFA) EUROPE

Teil 1: Eine Literaturstudie zum § 11 b des Tierschutzgesetzes

Im § 1 des Tierschutzgesetzes vom 29. 5. 1998 heißt es:

„Zweck dieses Gesetzes ist es, aus der Verantwortung des Menschen für das Tier als Mitgeschöpf dessen Leben und Wohlbefinden zu schützen. Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen“ und im § 2: „Wer ein Tier betreut oder zu betreuen hat, muß das Tier seiner Art und seinen Bedürfnissen entsprechend angemessen ernähren, pflegen und verhaltensgerecht unterbringen, darf die Möglichkeit des Tieres zu artgemäßer Bewegung nicht so einschränken, daß ihm Schmerzen oder vermeidbare Leiden oder Schäden zugefügt werden.“

 

Laut § 5 darf „an einem Wirbeltier ohne Betäubung ein mit Schmerzen verbundener Eingriff nicht vorgenommen werden“, aber im Gegensatz hierzu ist eine Betäubung nicht erforderlich „für das Kastrieren von unter vier Wochen alten männlichen Rindern, Schweinen, Schafen und Ziegen, für das Enthornen oder das Verhindern des Hornwachstums bei unter sechs Wochen alten Rindern, für das Kürzen des Schwanzes von unter vier Tage alten Ferkeln sowie von acht Tage alten Lämmern, für das Abschleifen der Eckzähne von Ferkeln, für das Absetzen des krallentragenden letzten Zehengliedes bei Masthahnküken während des ersten Lebenstages, für die Kennzeichnung von Schweinen, Schafen, Ziegen und Kaninchen durch Ohrtätowierung, für die Kennzeichnung anderer Säugetiere innerhalb der ersten zwei Lebenswochen durch Ohr- und Schenkeltätowierung sowie die Kennzeichnung landwirtschaftlicher Nutztiere einschließlich Pferde durch Ohrmarke, Flügelmarke, injektierten Mikrochip, ausgenommen bei Geflügel, durch Schlagstempel beim Schwein und durch Schenkelbrand beim Pferd.“

 

Gemäß § 7 dürfen Versuche an Wirbeltieren nur durchgeführt werden, „wenn die zu erwartenden Schmerzen, Leiden oder Schäden der Versuchstiere im Hinblick auf den Versuchszweck ethisch vertretbar sind. Versuche an Wirbeltieren, die zu länger anhaltenden oder sich wiederholenden erheblichen Schmerzen oder Leiden führen, dürfen nur durchgeführt werden, wenn die angestrebten Ergebnisse vermuten lassen, daß sie für wesentliche Bedürfnisse von Mensch oder Tier einschließlich der Lösung wissenschaftlicher Probleme von hervorragender Bedeutung sein werden.“

 

Die Käfighaltung von ständig 40 Millionen Legehennen auf 450 qcm Fläche pro Huhn ist keine verhaltensgerechte Unterbringung und änderte sich auch nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichtes vom 6. 7. 1999 nicht, obwohl bereits 1974 in einem Gutachten über tierschutzgerechte Haltung von Nutzgeflügel festgestellt wurde, daß nahezu alle angeborenen Verhaltensweisen beeinträchtigt und verändert sind und es eindeutig ist, dass die Verhaltensbeeinträchtigungen und Verhaltensstörungen maximalen Streß darstellen und Leiden erzeugen (SCHINDLER 2000).

 

26 Millionen Schweine leben in dunklen Boxen von 1 qm Größe auf Spaltenboden aus Beton, 3 qm Fläche stehen für ein Rind in Anbindehaltung zur Verfügung. Die in § 5 von Betäubung ausgenommenen Eingriffe werden an diesen Tieren durchgeführt. Schmerz, Qual und Leiden werden bis jetzt ignoriert. 250 Millionen Rinder, Schweine, Pferde und Schafe werden jährlich innerhalb von Europa transportiert, 1 Million Schweine erreicht nicht lebend den Schlachthof.

 

Eine geringe Hoffnung auf Änderung bietet die Erklärung der Ministerin Renate Künast vom BMVEL bei der Vorlage des Tierschutzberichtes 2001 am 21.3.2001 in Berlin, nach dem es ab 2012 (!) EU- weit verboten sein wird, Legehennen in herkömmlichen Käfigen zu halten. Weiterhin wird die Änderung der EG- Richtlinien bezüglich der Verbesserung der Vorschriften zur Schweinehaltung und des Tiertransportrechts angekündigt.

 

Ein besonderes Problem stellt der Anstieg der Versuchstierzahlen dar: 1999 wurden 1,6 Millionen Hunde, Katzen, Affen, Ratten als Versuchstiere „verbraucht“, das sind fast 60 000 mehr als 1998 (BETHGE 2001). So wurden z.B. für die Erprobung eines audiometrischen Hörtests an der Tierärztlichen Hochschule Hannover im Rahmen einer Dissertation 40 Katzen künstlich ertaubt, da aus der tierärztlichen Klientel nur 16 Tiere zur Verfügung standen (KELLER 1997).

 

Nach §11b des Tierschutzgesetzes ist es verboten, „Wirbeltiere zu züchten oder durch gentechnische Maßnahmen zu verändern, wenn damit gerechnet werden muß, daß bei der Nachzucht, den bio- oder gentechnisch veränderten Tieren selbst oder deren Nachkommen erblich bedingt Körperteile oder Organe für den artgemäßen Gebrauch fehlen oder untauglich oder umgestaltet sind und hierdurch Schmerzen, Leiden oder Schäden auftreten. Dies gilt „nicht für durch Züchtung oder bio- oder gentechnische Maßnahmen veränderte Wirbeltiere, die für wissenschaftliche Zwecke notwendig sind.“

 

Zur Auslegung dieses § wurde 1999 ein Gutachten vorgelegt, in dem die Empfehlung gegeben wird, die Zucht bestimmter Heimtierrassen zu verbieten und damit speziell bei Hunde- und Katzenrassen deren Aussterben zu initiieren.

 

Beschäftigt man sich mit diesem Thema intensiver, so kommt man zu der Auffassung, daß die Verfasser willkürlich und voreingenommen gegenüber bestimmten Rassen gehandelt haben. Das Quellenstudium ist äußerst oberflächlich, die Angaben sind z. T. spärlich recherchiert und bezüglich des Informationsgehaltes überholt bzw. fehlerhaft, für eine wissenschaftliche Arbeit, die sich als Gutachten präsentiert, völlig unzureichend.

 

Durch die Einführung des Begriffes „Qualzucht“ soll die Heimtierzucht tierschutzgerecht reglementiert werden. Qualzucht wird wie folgt definiert: „Der Tatbestand des §11b des Tierschutzgesetzes ist erfüllt, wenn bei Wirbeltieren die durch Zucht geförderten oder die geduldeten Merkmalsausprägungen (Form-, Farb-, Leistungs- und Verhaltensmerkmale) zu Minderleistungen bezüglich Selbstaufbau, Selbsterhaltung und Fortpflanzung führen und sich in züchtungsbedingten morphologischen und/oder physiologischen Veränderungen oder Verhaltensstörungen äußern, die mit Schmerzen, Leiden oder Schäden verbunden sind“.

Es ist bezeichnend für die Oberflächlichkeit und äußerst geringe Sachkenntnis bei der Erstellung des Gutachtens, daß sich für den Begriff Schmerz keine Definition findet. FRISTER (1996) verweist auf den Kommentar zum Tierschutzgesetz von LORZ (1992). Leiden wird als eigenständiger Begriff des Tierschutzrechtes bezeichnet und beinhaltet alle vom Begriff des Schmerzes nicht erfaßten Unlustgefühle. Ein Schaden liegt vor, wenn sich der Zustand eines Tieres zum Schlechten verändert (Gutachten 1999; FRISTER 1996).

 

Die Tatsache, daß auch Tiere Schmerzen empfinden können, wurde erst in den letzten Jahren Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen (LOEFFLER 2000, HENKE und ERHARDT 2000). Die Schmerzverarbeitung hat artspezifische und individuelle Aspekte und besitzt eine wichtige Schutzfunktion (BERNATZKY 1997). So können bei der Katze - und um die geht es hier - Verspannungen, Fluchtverhalten, Verkriechen, Fauchen, Knurren, Wutausbrüche, Hechelatmung, Inappetenz, fettiges Fell artspezifische Schmerzsymptome sein (HENKE und ERHARDT 2000). Um die Schmerzintensität zu bewerten, ist eine umfassende Kenntnis des artspezifischen Verhaltensinventars Voraussetzung. Weiterführende Untersuchungen stehen hierzu noch aus. Als Kriterien für die Schmerzbeurteilung haben MORTON und GRIFFITHS (1985) ein Punktesystem angewendet: Aktivität, äußeres Erscheinungsbild, Temperament, Lautäußerung, Fressverhalten, physiologische Parameter. Bei der Beurteilung von Schmerzen ist die Verhaltensabweichung von der Norm zu berücksichtigen. Die Symptomatik hängt von Tierart, Rasse, Kondition, Geschlecht, Psyche ab. HENKE und ERHARDT (2000) fordern die Verabreichung von Analgetika bei jedem schmerzhaften Eingriff.

Die Anwendung des §11b gestaltet sich somit als äußerst problematisch. Es ist zu fragen, wann die Grenze zur Qualzucht erreicht ist, zumal die Ätiologie und Genetik bestimmter Krankheitsbilder/Defekte noch nicht oder nur in Ansätzen geklärt sind. Nahezu alle Aussagen hierzu beruhen nicht auf wissenschaftlichen Untersuchungen, sondern auf Vermutungen oder sind schlichtweg Behauptungen.

 

Die Existenz bestimmter Krankheiten/Defekte bei Katzen ist pragmatisch und klinisch relevant. CLARK hat 1992 eine Zusammenstellung von medizinischen, genetischen und Verhaltensaspekten bei 45 Katzenrassen veröffentlicht. Vergleicht man seine Liste mit der „Orientierungshilfe“ des Gutachtens und seiner Begründung, so müßten nach Meinung der Verfasser wohl alle Katzenrassen inklusive Hauskatzen verboten werden und nicht nur die Rassen, die offenbar den Gutachtern als äußerst suspekt erschienen sind (s. Gutachten S. 53). Neuere Untersuchungen zur Genetik bei einzelnen Katzenrassen wurden auf der 1. und 2. International Genetic Conference on Feline Inherited Disease 1998 und 2000 in den USA vorgestellt.

 

Besonders die Rassen mit zahlenmäßig geringem Tierbestand sind es offensichtlich, die nach Meinung der Gutachter keine Existenzberechtigung haben sollen, obwohl sich ihre Zucht genau wie die anderer Rassen unter der Obhut und Kontrolle von eingetragenen Zuchtvereinen und ihrer Zuchtordnungen vollzieht (sogenannte Schwarzzüchter aller Rassen außerhalb der Vereine sowie Billigimporteure aus angrenzenden Ländern werden ohnehin nicht vom §11b erfasst).

 

Als Beispiel sei hier auf die Scottish Fold näher eingegangen. Die nach vorn und unten gefalteten Ohrspitzen betonen den runden Kopf. Dies entspricht dem Kindchenschema von Konrad Lorenz und löst beim Menschen normalerweise Pflegeverhalten aus. Die Scottish Fold ist nicht das Ergebnis einer irgendwie erfolgten Qualzucht, sondern durch natürliche Mutation (BARTRAM 2000) mehrmals entstanden. Über ihre Existenz wird schon vor langer Zeit in literarischen Quellen als chinesische Hängeohrkatze berichtet (BLYTHE 1903, Brockhaus 1885, BUNGARTZ 1896, CORNEVIN 1897, HAHN 1896, LOXTON 1976, MÜLLER-GIRARD 1988, PINTERA 1998, PUGNETTI 1985, SACASE 1994, SCHNEIDER 1977, STABLES 1876, THIES 1997, EDWARDS 1999, WOLFF 1984).

Im Jahr 1961 gab es wieder eine Hängeohrkatze: eine weiße Hauskatze namens Susie auf einem schottischen Bauernhof in Perthshire, die Stammutter unserer heutigen Faltohren.

 

Die Zuchtgeschichte der ersten Jahre ist wiederholt beschrieben worden: BECKER (1991), WOLFF (1984), THIES (1997), MORRIS (1999), KLEVER (1985). Zahlreiche Rasseporträts bietet das Literaturverzeichnis, besonders sind zu nennen: KELSEY-WOOD (1997), ANGELL (1986 - 1999), MAGGITTI (1993), WAGNER (1984 - 2001).

 

Die Zucht begann planmäßig durch Mr. und Mrs. Ross und Mrs. Patricia Turner. Ihre Zuchtmethode war zunächst nicht gut durchdacht und unwissenschaftlich, über Susies Vorfahren und Partner war nichts bekannt, so wurde Inzucht praktiziert und mit blauäugigen weißen Katzen gearbeitet. Das führte in Einzelfällen zu tauben Katzen und später auch zu Skelettanomalien an Hinterbeinen und Schwanz.

 

Die aufgetretene Taubheit sowie der Vorwurf von besonderer Empfänglichkeit für Ohrmilbenbefall lastete die British Cat Fancy dem Hängeohrgen an und schloß 1971 das Zuchtbuch für Scottish Fold in Großbritannien. Der Vorwurf von besonderer Empfänglichkeit für Ohrmilbenbefall entbehrt jeglicher Grundlage. Ohrmilben treten als Folge unzureichender Haltungsbedingungen bzw. Pflege auf.

 

Taubheit kann bei blauäugigen weißen Katzen vererbt werden (Kopplung an das Farbgen W?). Der Zeitpunkt der Ertaubung konnte ermittelt werden, das Gen jedoch nicht (KELLER 1997, BRINICOMBE 1995, STRAIN 1999). Dazu wäre die Entwicklung einer DNA-Analyse notwendig. Da die Katze immer öfter als Modell-Tier für den Menschen dient, was auf der Existenz von homologen Chromosomen, belegt durch Genkarten (Trends in Genetics 1997, No 10), beruht. würde hier vielleicht die Entdeckung des menschlichen Gens für Taubheit weiterhelfen (ESTIVILL 1998, PFISTER 1998). Ein Gentest wäre für die betroffenen Katzen wesentlich besser verträglich als ein audiometrischer Hörtest mit Narkose (wie bei KELLER 1997 beschrieben) - und damit auch im Sinne des § 11 b.

 

Auch der Vorwurf, Faltohrkatzen seien in ihrer Hörfähigkeit beeinträchtigt, entbehrt eines Beweises. Nach dieser Logik müßten Hunde mit Schlappohren erst recht in ihrem Hörvermögen eingeschränkt sein. Die Faltohren sind jedoch beweglich (FYFE in MAGGITTI 1993) und können Verhaltensintentionen anzeigen.

 

Bis heute wird behauptet, daß Skelettanomalien bei Faltohrkatzen an das Faltohrgen gekoppelt seien. Diese Hypothese ist noch niemals auf ihren Gehalt hin untersucht worden (MAGGITTI 1993). Auch die Dissertation von JACKSON (1975), veröffentlicht unter dem irreführenden Titel „Congenital Bone Lesions in Cats with Fold-Ears“, brachte keinen Erkenntnisgewinn. JACKSON’s Zuchtprogramm umfaßte 3 Zuchtgruppen: a) Verpaarung von Fold x Fold, b) Verpaarung von Fold x Fold mit Skelettanomalien, c) Verpaarung von Fold mit Skelettanomalien mit normalohrigen Katzen. Die Zuchtgruppen a) und b) erzeugten einen Teil Kitten mit Skelettanomalien, in der Zuchtgruppe c) gab es keine Defekte. JACKSON bezeichnet das Faltohrgen als „simple dominant with complete penetrance“. Bei den Skelettdefekten sieht er Parallelen zur Epiphysendysplasie des Menschen. Er empfiehlt eine kontrollierte Zucht von Faltohrkatzen mit der Verpaarung von Faltohr x Geradohr (und keinesfalls eine Ächtung der Zucht, was aus seinen Ergebnissen fälschlicherweise oft geschlossen wird, MAGGITTI 1984). Hinzu kommt, dass die einzelnen Zuchtgruppen von der Anzahl ihrer Versuchstiere nicht repräsentativ sind und Inzucht nicht auszuschließen ist (MAGGITTI 1984). Seine Arbeit kann lediglich als Pilotstudie, nicht aber als umfassende Studie gelten (MAGGITTI 1989). Es muß hier ausdrücklich betont werden, daß alle von JACKSON vorgenommenen Verpaarungen in heute gültigen Zuchtordnungen verboten sind.

 

Ebenso unbewiesen ist die Behauptung, geradohrige Katzen, die aus einer Verpaarung von Faltohr x Geradohr hervorgehen, würden das Faltohrgen weitervererben (FAHLISCH 1994). Dieser Frage will FYFE in einer Studie nachgehen (MAGGITTI 1989).

Nach Meinung von SHAW (1999) haben Katzen selten angeborene Skelettprobleme - mit Ausnahme der Epiphysendysplasie. Arthritisähnliche Effekte entwickeln sich bei Verletzungen, Bakterieninfektionen und bei Adipositas.

 

Die retrospektive Untersuchung von 6 australischen Faltohrkatzen aus 5 veterinärmedizinischen Kliniken im Alter von 5 Monaten bis zu 6 Jahren (MALIK 1999) erbrachte zwar die Röntgendiagnose einer Osteochondrodysplasie bei Hinterextremitäten und Schwanz, jedoch keine genetischen Aussagen. Die Zuchtbasis ist in Australien sehr klein und Inzucht oder unzulässige Verpaarungen dürften dabei sein. Es wurde sogar ein Antrag auf Einkreuzung von Manx gestellt (LAUDER 1981). Die voreilige Schlussfolgerung von MALIK auf Grund von klinischen Fallberichten, alle Folds hätten im Alter von 5 Jahren Osteochondrodysplasie, rief nach seinem Vortrag auf der 2. Internationalen Genetikkonferenz (2000) großen Widerspruch hervor (MILLER 2000). MALIKS Aussagen können sich nur auf die australischen Verhältnisse mit einer nicht repräsentativen Anzahl von Tieren und einer ungenügenden Basis für eine Zucht beziehen.

 

In Deutschland hat unlängst SIMON (2000) einen klinischen Fallbericht "Umfangsvermehrung im Tarsalbereich bei einer Katze" veröffentlicht. Auch in diesem Fall ist außer der Rasse der Elterntiere nichts über die Zuchtlinie, insbesondere über den Gesundheitszustand der Vorfahren (wie z.B. subklinische Veränderungen bei den Ahnen) bekannt. Die Autorin formuliert sehr vorsichtig die Verdachtsdiagnose Osteochondrodysplasie bei einer Scottish Fold Katze und bietet insgesamt 6 Differentialdiagnosen an, wobei eine Beziehung zum Faltohrgen in Anlehnung an JACKSON (1975) und MALIK (1999) vermutet wird. In diesem Zusammenhang deutet SIMON unter Verwendung des Konjunktivs an, daß es keine Garantie für ausbleibende osteochondrodysplastische Veränderungen bei den Nachkommen gibt, eine Aussage, die jedoch für jegliche Zucht gilt und somit ohne Relevanz ist.

 

Weitere Untersuchungen zur vermuteten bzw. behaupteten genetischen Kopplung mit dem Auftreten von Mißbildungen bei der Zucht von Scottish Fold existieren gegenwärtig nicht. Auch die Behauptung, in Utrecht gäbe es eine Studie über Defekte bei Folds, erwies sich bei Rückfrage als Gerücht. Lediglich ein Einzelfall ist an der Universität Utrecht bekannt (OOST 2000).

Somit ergibt sich heute, nach 40 Jahren weltweiter Faltohrzucht, folgender Erkenntnisstand: Das Faltohrgen wird dominant vererbt. Eine Kopplung an ein Gen, das Skelettdefekte vererben soll, ist bisher nicht nachgewiesen. Die Verpaarung von Faltohren mit geradohrigen nichtverwandten Katzen verhindert Inzucht und ergibt in der Regel gesunden Nachwuchs („selective breeding“, ROBINSON 1999). Die aus dieser Verpaarung entstehenden geradohrigen Katzen („Straights“) vererben das Faltohrgen nicht. In Einzelfällen aufgetretene Epiphysendysplasie scheint Ähnlichkeiten zum Marfan-Syndrom des Menschen aufzuweisen. Dieses beruht auf einer dominanten Mutation im Fibrillin-Gen, das Chromosom ist bekannt (GEROK 2000, JOHNSON 1999). Hier wäre vielleicht ein Ansatz zur Entwicklung einer DNA-Analyse für Skelettdefekte der Katze zu finden.

 

Das DNA-Screening zur Identifizierung genetischer Störungen bei Katzen ist der richtige Weg zur selektiven verantwortungsvollen Zucht und die Basis für eine effektive Kontrolle der genetischen Störungen (BELL, 1. Int. Feline Genetic Conference 1998). Bei Katzen aller Rassen sind bisher 200 genetische Defekte, davon 10 Mutationen, dokumentiert (SHAW 2001, GIGER, 1.Int. Genetic Conference 1998). Viele dieser Defekte, die in verschiedenen Organsystemen involviert sind, treten auch bei Hund und Mensch auf (GIGER, 1.Int. Genetic conference 1998). 4 DNA-Screening-Tests sind bekannt, für Amyloidose, Hypertrophe Kardiomyopathie, Progressive Retinale Atrophie (PRA), Polycystische Nierenerkrankung (PKD). Zur Zeit wird an einem Lymphosarkomtest gearbeitet. Bei allen diesen Tests sind vergleichbare Gene beim Menschen nachgewiesen (SHAW 2001). Ein DNA-Molekular-Screening ist jetzt möglich für Pyruvatkinasestörung, Glycogenose Typ IV, Gangliosidose, Mucopolysaccharidose. Für Muskeldystrophie, Alphamannosidose, Hyperchylomicronaemie wurden die Gene lokalisiert. In wieweit jedoch genetische Störungen weiter vererbt werden, ist erst bei 20 Defekten geklärt (ROBINSON 1987). In diesem Zusammenhang ist der Aufbau eines computergestützten Informationssystems für feline genetische Störungen an der Universität von Pennsysvania von außerordentlicher Bedeutung (GIGER, 1. Int. Genetic Conference 1998).

 

Aussagen über den Gesundheitszustand können auch an Hand von Lebensdaten-, Wurf- und Ausstellungsstatistiken getroffen werden. Über frühe Faltohrzuchten in den USA gibt es Wurfstudien, aus denen hervorgeht, dass zu jener Zeit die Mortalitäts- und Defektrate bei Scottish Fold beträchtlich geringer war als bei Siamesen, Burmesen und Persern (PELTZ 1976) bzw. keine Defekte festgestellt wurden (MARTINKE 1976). Eine Lebensalterstatistik durch die ISFA (WEST 2000) ergab: gesunde Scottish Fold Katzen sind in allen Altersklassen (bis zum 20. Lebensjahr) repräsentativ vertreten. Eine Ausstellungsstatistik von Scottish Fold in Bezug auf ihre Gesundheit beinhaltet der Teil 2 dieser Vorlage.

 

Fazit:

Die Rasse Scottish Fold ist kein Produkt einer Qualzucht, sondern das Ergebnis einer dominant vererbten Mutation. In Schottland und England wurden in die Rasse Scottish Fold British Shorthair und Hauskatzen eingekreuzt, in Europa Europäisch Kurzhaar und in den USA American und British Shorthair, aber auch Perser. Damit sind die Fehler der frühen Jahre eliminiert worden. Die Gesundheit der heutigen Scottish Fold ist nicht anzuzweifeln. Dies wird durch die bisher umfangreichste statistische Erhebung zum Gesundheitszustand der Scottish Fold (WAGNER 2001) in Teil 2 belegt.

 

Alle namhaften Genetiker (MAGGITTI 1984), die mit dieser Rasse gearbeitet haben, empfehlen kein Zuchtverbot, sondern eine verantwortungsvolle kontrollierte Zucht, die auf einer Verpaarung von Fold x Geradohrigkeit beruht. Die weitere Aufklärung der Genetik dieser Rasse ist notwendig, ebenso die Entwicklung eines Gentestes für Knochen/Knorpelschäden. Diese Themen sind nicht in wenigen Monaten zu bearbeiten, es bedarf entsprechender Studien durch eine geeignete wissenschaftliche Einrichtung über mehrere Generationen von Versuchstieren, hier Scottish Fold, d. h. über einen definierten längeren Zeitraum. Die finanziellen Mittel hierzu können nicht die wenigen engagierten Foldzüchter aufbringen. Für die Übergangszeit wäre eine Röntgenaufnahme von Hinterextremitäten und Schwanz der potentiellen Zuchttiere ab dem ersten Lebensjahr eine Möglichkeit zur Erfassung von Skelettanomalien, bis entsprechende Gentests für Katzen entwickelt worden sind.

 

Ein Verbot der Rasse würde ihre Ausrottung bedeuten und ist weder von den Gutachtern noch vom zuständigen Ministerium zu verantworten.

 

Dr. Margarete Klotz, Berlin 10. 09. 2001

Literaturliste (130 Quellen) auf Anfrage: International Scottish Fold Association Europe

Tel. 06252 - 6119 oder 030 - 65 97 318